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LEITARTIKEL
Aufgesang
Von Frank Pommer
Der Vorurteile sind viele, nicht nur bei der Jugend. Singen ist einfach völlig uncool, vor allem im Verein. Man denkt an deutsche Spießbürger-Herrlichkeit, an Festzelte, mit Silcher-Liedern geschwängert, an Sängerfeste, bei denen der “bunte Strauß an Frühlingsmelodien" vor sich hinwelkt. Oder an Musikantenstadel und Gotthilf Fischer. Nein, das Image der deutschen Chöre, seien es weltliche Gesangvereine oder Kirchenchöre, ist wahrlich nicht das beste. Auf dem Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihnen macht, sehen sie aus, als seien sie aus der Zeit gefallen, unvereinbar mit den Vorstellungen einer immer hipper, lifestyliger werdenden Spaßgesellschaft. Eine Imagekorrektur ist also dringend notwendig, und es scheint, als hätten die Chöre dies auch erkannt.
“Tu dir was Gutes - sing im Chor", ist das Motto einer Kampagne, die der Cäcilienverband im Bistum Speyer Anfang des Monats gestartet hat. Die Chöre werden mit Plakaten und Broschüren versorgt, mit denen sie auf sich und ihre Arbeit aufmerksam machen können. Mehr als 300 katholische Kirchenchöre mit zehn- bis elftausend Mitgliedern sind im Cäcilienverband organisiert. Auch in den laut jüngster Chorstatistik 475 evangelischen Kirchenchören singen rund 11.600 Menschen, und auf der Homepage des Pfälzer Sängerbundes kann man lesen, dass diesem (Stand: Dezember 2003) 625 Mitgliedsvereine angehören. 26.392 singende und 68.580 fördernde Mitglieder, insgesamt 94.972 Männer, Frauen und Kinder setzen sich in der Pfalz für das Singen ein. Und all diese Musikbegeisterten tun keineswegs nur sich selbst etwas Gutes, sondern übernehmen zugleich eine wichtige gesellschaftliche Funktion, nicht zuletzt dadurch, dass sie zu einer Art kulturellen Grundversorgung beitragen.
Ihr ehrenamtliches Engagement kann - ähnlich wie in den Sportvereinen - gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade in ländlichen Gebieten sind Vereine die Hauptträger der dörflichen Gemeinschaft. Man mag das vielleicht belächeln, verstanden hat man dann allerdings wenig. Wie wichtig das Gemeinschaftserlebnis Singen ist, kann nur der nachvollziehen, der es selbst einmal erlebt. Für viele ältere Menschen ist der Kirchenchor oder der Gesangverein so etwas wie die letzte Bastion gegen die völlige Vereinsamung. Im Chor - wie auch im Orchester - werden zudem soziale Kompetenzen geschult wie Teamfähigkeit und Durchsetzungsvermögen.
In mehreren Studien wurde die Bedeutung von Musik allgemein für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nachgewiesen. Gerade die Entwicklung der so genannten Sekundärtugenden wie Kreativität, Motivation, Engagement oder Leistungsbereitschaft wird dadurch gefördert. Deutschlands regelmäßiges Versagen in den internationalen Pisastudien ist schließlich auch darauf zurückzuführen, dass in unseren Schulen zu wenig gesungen und musiziert wird. Hier springen die Chöre in die Bresche und sorgen damit zugleich für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung - als Alternative zur TV-Dauerberieselung, zum Marathon-Surfen oder Spielen am PC.
Zudem hat die Aktion “Tu dir was Gutes - sing im Chor" völlig Recht mit ihrem Motto. Musik und Gesang tun gut. Nicht nur der Seele, sondern auch dem Körper. Zu dem Glücksgefühl des gemeinsamen Singens kommen ganz konkrete Gesundheitsfaktoren: Singen unterstützt die richtige Atmung, bei Kindern werden nicht nur das Sprach-, sondern auch das Lesevermögen verbessert, mittlerweile werden Sprachfehler bei Kindern sogar durch Singen behandelt. So unzeitgemäß also noch immer manche Chöre auftreten, die positive Wirkung des Singens für jeden einzelnen wie für die Gemeinschaft ist zeitlos aktuell. Vielleicht sogar aktueller denn je.
Singen ist wichtig und tut gut, nur wissen das noch viel zu wenige. Chöre in der Region haben das erkannt und reagieren mit Imagekampagnen.
“Deutschlands regelmäßiges Versagen in den Pisastudien ist auch darauf zurückzuführen, dass in unseren Schulen zu wenig gesungen und musiziert wird."
Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Ludwigshafener Rundschau
Ausgabe: Nr.238
Datum: Samstag, den 13. Oktober 2007
Seite: Nr.8
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